Samstag, 2. Februar 2013


Allmächtiger!

oder

Ohnmächtiger Gott - eine traurige Idee!

Die Frage nach der Existenz Gottes ist seit Jahrhunderten immer wieder gestellt worden. Gottesbeweise gibt es en masse. Auch Gegenbeweise!

Eine viel interessantere Frage scheint mir allerdings:
Wenn man als Atheist weiß, dass es keinen Gott gibt, der Welt und Mensch erschaffen hat, welche Rolle hat dann der Glauben an Gott - oder der Irrglauben - bei der Menschwerdung gespielt?

Gäbe es die Menschheit ohne Gott? Können wir ohne Gott existieren?

oder noch anders gefragt: Gäbe es die Menschheit ohne den Glauben daran, dass ein Gott existiert?
War Gott also eine gute Idee für die Menschheit?
Und von Marx wissen wir ja, dass eine Idee, die von den Massen ergriffen wird, zur materiellen Gewalt werden kann.

Bisher gibt es nur die unvereinbare Gegenübersetzung - entweder Gott als Schöpfer von Welt und Menschheit - oder aber eben völlig ohne Einfluss auf Evolution und die Menschwerdung!

Für alle, die an einen Gott (oder Götter oder Götzen... oder...) als Schöpfer allen Irdischen und Überirdischen glauben, ist die Frage natürlich schnell beantwortet. Alles ist Gottes Werk! Gott ist der Schöpfer!  Punkt!

Wie steht es aber mit uns Atheisten? Haben wir eine Antwort auf die Frage?
Wenn wir mit Charles Darwin davon ausgehen, dass sich die Menschheit aus dem Tierreich heraus erfolgreich entwickelte und sich durch Sozialisation als "the fittest" gegen alle Feinde durchsetzen konnte, wo ist dann die Schnittstelle zu Gott?

Ein Problem (in Anlehnung an Richard David Precht): Wer ist Gott und wenn ja wie viele? - sei im Weiteren ausgeblendet, bzw. auf die Grundeigenschaft von Gott  reduziert: Gott ist einer (oder eine Gruppe von Göttern), der nach Überzeugung  derer, die an ihn glauben, außerhalb und unabhängig der Menschenwelt (irdischen Realität) existiert und auf das Leben der Menschen Einfluss nehmen kann.
Die in der Menschheit aktuell vorhandenen Vorstellungen von jenem (oder jenen) überirdischen Wesen, der/die das Schicksal der Menschen bestimmen, sind so mannigfaltig wie zu vorchristlichen Zeiten. Die Götter der Ureinwohner im Amazonasurwald dürften den altgermanischen Göttern ähnlicher sein, als dem modernen christlichen Gott. Wobei auch kaum einer sagen kann, wie der eigentlich ausschaut - der moderne Gott!
Die kindliche Vorstellungen vom "lieben Gott", der auf einer Wolke sitzt und uns von oben zuschaut, scheint dabei immer noch die beliebteste und häufigste zu sein. Und zwar religionsübergreifend!
 Besonders zählebig ist diese kindliche Vorstellung bei der Trauerbewältigung. Wenn ein nahe stehender Mensch stirbt, wird mit erstaunlicher Hartnäckigkeit das Bild beschworen, dass der Verstorbene von nun an - an der Seite Gottes sitzend - unser Tun und Treiben von oben betrachten und beurteilen wird. Selbst Profifußballer widmen ihre Tore mit inbrünstigen Gesten gen Himmel der verstorbenen Mama oder dem hingeschiedenen Papa... oder... oder eben direkt dem "lieben Gott" der geholfen hat, das Tor "reinzumachen"!
Auch erfolgreiche Manager kennen zweifelsohne solche Gesten, werden sie aber nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur heimlich verwenden, wenn ihnen wieder mal ein großer Coup gelungen ist.

Infolge des Wirkens von Immanuel Kant kann nun eine Wende in der Fragestellung nach der Existenz Gottes konstatiert werden. Die neue, sehr pragmatische Fragestellung laute nicht mehr, ob er existiert, sondern: Ist Gott eine gute Idee für mich?

Diese Frage bedeutet:
Egal, wer oder was Gott ist - egal, ob es ihn gibt oder nicht - Hauptsache, es ist mir nützlich, wenn ich so tue, als würde ich an ihn glauben!
Ist das denn dann noch Glauben? Ist das dann nicht bereits Atheismus?

Anderseits - wäre es eigentlich so schlimm, wenn wir uns darauf einigen könnten, dass Gott nur eine marketingstrategische Idee ist? Gott als pragmatischer Ansatz für den Erfolg, für die Karriere, für die Trefferquote?

Ja, es wäre schlimm. Und das ist es schon seit Menschengedenken!

Es mag blasphemisch klingen, aber machen wir uns doch schnell bewusst, dass die Verwendung Gottes als Spießgeselle objektiv immer im Spiele ist - und seit Urzeiten schon immer im Spiele war! -, wenn Menschen nach Erfolg streben.
Man betete schon immer zu seinem jeweiligen Gott, um Erfolg, um den Sieg im Kampf gegen die andere Sippe, um Gesundheit, um die Torschützenkrone... und bedankte sich im Erfolgsfall gebührend! Frühere Gesellschaften unterstützten Anbetung und Danksagung mit entsprechenden Opfergaben.
Den pragmatischen Gott gibt es also in der Praxis schon lange vor Kant. Gott als Helfer, als Handlanger und Butler in den alltäglichen Kämpfen um Leben und Überleben. Fast alle Kriege wurden im Namen eines Gottes geführt.
Dieser Gott tut es auch heutzutage noch! Er ist quadratisch, praktisch - unkaputtbar! Eben einfach eine gute Idee!

Gegen diesen religiösen Pragmatismus mögen sich gläubige Menschen wehren (und  vielleicht  schon immer gewehrt haben), die ihren Gott als höheres Prinzip humanistischer Seligwerdung verstehen möchten; sie werden ihn - diesen Pragmatismus - mit Sicherheit als das Ende aller Religion empfinden, aber es bleibt dabei - der Gott als persönlicher Bodyguard, als Glücksbringer und Seligmacher... - und dazu noch als Gastgeber für das Leben nach dem Tod! - ist die Massenbasis aller Religionen. Besonders natürlich der vorzivilisatorischen, die noch keine Religionen im Sinne des Begriffs waren.
Den pragmatischen Gott gibt es, seit es menschenähnliche Wesen gibt, die sich sozialisiert haben und kommunizieren können und miteinander konkurrieren müssen.

Die heutzutage vermeintlich verstärkte Rückkehr und Besinnung der Menschen auf den pragmatischen Gott - der eine gute Idee für mich ist und mir hilft, Erfolg zu haben! - ist eine Tendenz, die daraus resultiert, dass der allmächtige Gott, der mir ins Gewissen schaut, ziemlich lästig sein kann, wenn man Moral und Gesinnung weit hinter sich lassen muss, um die nächsten Millionen zu scheffeln. Ein Investmentbanker, der die Folgen seiner Zockerei für viele kleine Anleger berücksichtigt oder an die Hungersnot in Afrika denkt, die seine Spekulationen mit Lebensmittelpreisen auslösen können, und im christlichen Sinne der Nächstenliebe frönt, ist schlechthin so undenkbar, wie ein vegetarischer Tiger.
Der pragmatische Gott ist mit der Idee der so genannten "freien Marktwirtschaft" genauso verknüpft, wie mit den "Gesetzen des Dschungels" oder der "Spielregeln globaler Finanzströme". Ein allmächtiger Gott wäre echt belastend!

Die Mechanismen des Marktes (des Existenzkampfes der Individuen und gesellschaftlichen Gruppierungen), das ewige Roulett, welches ohne Regeln und absolut gesetzlos funktioniert (die Floskel von den "Gesetzen des Marktes" hat sich längst als solche entlarvt!), zwingt infolge der wachsenden Härte der Kämpfe um die begrenzten Ressourcen der Erde zu einer Rechtfertigungsreligion. Man braucht die Siegermentalität! Den Killerinstinkt vor dem Tor! Herr hilf  - aber nur mir!

Die Islamischen Reiterhorden waren deshalb in den kriegerischen Auseinandersetzungen immer erfolgreicher als andere, weil sie einen Gott hatten, der ihnen nach dem Tod als Märtyrer, im Himmel ein paar Dutzend Jungfrauen bereitstellte, bzw. legte. Mit dieser Idee ließ sich gut kämpfen und sterben.

Übrigens -  die Ausstattung der Götter, ihre Machtbefugnisse und Vorlieben, die ihnen von den Gläubigen zugestanden und angedichtet werden, sind von entscheidender Bedeutung. Gesellschaften sind wahrscheinlich häufiger an den Eigenschaften ihrer Götter ausgestorben, als an Krankheiten und Seuchen. Die Götter der Mayas waren hinsichtlich ihres Bedarfs an Menschenopfern einfach zu gierig. Der Gott Martin Luthers anderseits gab dem Mensch der Renaissance Tatkraft und Würde. Der islamische Gott war eine historische Bremse für die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise.
Genauere Untersuchungen der Wechselwirkung von Gottesbild (sprich Religionsausprägung) und erfolgreicher wirtschaftlicher Entwicklung liegen zahlreich vor.

Ist aber damit schon bewiesen, dass die Menschheit ohne Gott nicht hätte entstehen können?
Ist allein der pragmatische Gott die Existenzbedingung für Menschheit? Weil er einfach schon immer mit dabei war? Von Anfang an!
Natürlich nicht.
Eher im Gegenteil. Dieser - nennen wir ihn weiterhin den pragmatischen Gott, obwohl der Begriff doch weitestgehend euphemistisch ist! - ...dieser pragmatische Gott war und ist eine Gefahr für die Menschheit. War eine Gefahr von Anfang an und ist es heutzutage für den Fortbestand der Menschheit.
Der Kampf zwischen allmächtigem Gott und pragmatischen Gott hat immer stattgefunden. Und nur der allmächtige Gott  macht eine Gruppe stark. Der allmächtige Gott ist der soziale Beton, das Fundament jeder sozialen Gemeinschaft.
Die „Fitness“ einer Gruppe  wird von vielen Komponenten beeinflusst. Der richtige Gott, ist  die wichtigste!
Der Glauben an einen Gott (oder mehrere Götter) war ein wesentlicher Moment bei der Sozialisierung frühmenschlicher Gruppen. Die Ausstattung der jeweiligen Götter - Befugnisse und Aufgaben - waren entscheidend für die Nützlichkeit der Götter für die Fitness der jeweiligen Gruppe.
Die Götter als moralische Instanz sind für alle Phasen der Menschheitsentwicklung von entscheidender Bedeutung für die wirtschaftliche und geistige Kreativität einer Gesellschaft.

Denn: Der Mensch ist zuerst ein soziales Wesen. Nur in sozialer Verbindung kann er existieren! Die Dialektik von Individuum und Gesellschaft ist kompliziert, aber fest steht, dass die Relationen stimmen müssen. Welche Relationen das sind, wieviel an Individualismus eine Gesellschaft aushält, ist nicht berechenbar. Die Gesellschaft, die sich am Ende als „the fittest“ herausstellt, hatte jedenfalls die beste Relation.

Das wichtigste für die Entstehung der Menschheit war m.e. die Idee eines Gottes, der unabhängig und außerhalb der irdischen Realität existiert und über das soziale Zusammenleben der Gruppe und dessen Regeln wacht. Es war der Glauben daran, dass er (oder sie! Der Monotheismus ist eine späte Findung der Menschen.)... dass er allmächtig existiert! Und dass er in seiner Existenz wirklich allmächtig ist - in Bezug auf Leben und Tod!
Ein ohnmächtiger Gott ist wirkungslos hinsichtlich seiner sozialen Funktion als moralischer Richter!
Gott muss auch in die Köpfe der Menschen hineinhören können! Er muss den Menschen ein Gewissen machen können! Ein gutes oder ein schlechtes!
Der Mensch muss glauben, dass ihn Gott kontrollieren und auch noch nach dem Tod zur Rechenschaft ziehen kann. Dieser Glaube war die wichtigste Voraussetzung für die Sozialisierung der Menschen, für ihre "Fitness"!
Die pragmatische Seite Gottes darf nicht dominieren. Die soziale „Kompetenz“ Gottes ist die wichtige.

"Süddeutsche Zeitung" Nr. 119 vom 25.5.02:
In einem Artikel "Sie säen nicht und kentern doch" wird - eine Debatte über die Modernität von Kirche zusammenfassend - festgestellt:
"Sloterdijk, Habermas und Joschka Fischer unterscheiden sich im Rang, den sie dem Christentum zusprechen, einig sind sie sich in der Diagnose: Eine vollkommen entchristlichte Welt wäre barbarisch. Wenn kein Individuum sich dem anderen verbunden weiß durch den gemeinsamen Schöpfer, wenn niemand daran glaubt, davon redet und danach handelt, dass jedem Menschen das Heil fest zugesagt ist..., dann vertrocknet die Gesellschaft zur gnadenlosen Nützlichkeitswüste."

Der Glauben, dass Gott für mich nur eine gute Idee sei, die mir hilft, erfolgreich zu sein, fördert den Individualismus. Entkoppelt den Einzelnen aus dem sozialen Verbund.
Die Wirkung von Gott auf die "Fitness" der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe ist nur möglich, wenn wirklich an seine Existenz geglaubt wird. Gott lediglich als Idee begreifen, führt zur Rechtfertigung individueller Gier und Machtstrebens.

Dann lieber einen radikalen Atheismus.

Denn, so wie der echte Gläubige auf die Kontrolle seines Gottes zurückgeworfen wird, so wird der Atheist auf die Gnadenlosigkeit des menschlichen Daseins zurückgeworfen. Dem Atheist bleibt angesichts der Trostlosigkeit einer unendlichen Welt nur die Wärme einer Gruppe - einer solidarischen Gesellschaft. Und Eigenkontrolle! Wenn er Achtung vor sich selbst haben will, muss der Atheist so handeln, dass er von anderen geachtet wird. Der Kantsche Imperativ! Er muss sozial und human handeln. So wie der Gläubige, der Anerkennung vor seinem Gott finden will!

Menschheit und Sozialisierung begann jedenfalls mit dem Glauben an die Existenz eines Gottes oder mehrer, der oder die die Regeln für das Zusammenleben der Gruppe festgeschrieb/en und überwachte/en. Und je fester dieser Glauben in der jeweiligen Gruppe verankert war, desto stärker war diese Gruppe in ihrem Zusammenhalt nach außen. Gottesglaube ist eine Strategie der Evolution, ein gefährliches Instrument gegen andere. Falscher Gottesglaube rächt sich.
Welcher Glauben richtig oder falsch ist, zeigt das Ergebnis - wer überlebt hat, hatte den richtigen Glauben; hatte solche Vorstellungen vom Zusammenleben der Gruppe, die die Gruppe hat stark sein lassen. Ächtung von Inzucht oder Sodomie, Schutz der Mädchen, Achtung der Alten, Nächstenliebe... etc.pp.

Und wenn wir also nun nach einigen hundert Jahren Diskussion um die Existenz Gottes (und seiner Kollegen) nicht mehr so fest an Existenz und Allmacht glauben können... - was nun? Wenn der allmächtige Gott, wie Nitzsche erkannte, tot ist? Wer hält das Böse auf? Wer hilft dann der humanen Vernunft zum Sieg?
Ist eine Wiederbelebung des Allmächtigen - der Glaube an seine Allmacht - möglich? Wohl kaum.
Im Islam existiert er noch als gesellschaftliche Konstante! Unumstritten! Wohl auch im Buddhismus und anderen Religionen außerhalb der westlichen Zivilisation.
Sind das die kommenden "fittesten" Gesellschaften, die noch an den Allmächtigen glauben?

Uns Zweifelnde bleibt womöglich nur die Hoffnung auf einen gnadenlosen Atheismus.

Denn die Evolution hat mit der Globalisierung nicht aufgehört. Welche Gesellschaft ist heute „the fittest“? Das wird sich herausstellen - wie immer in der Evolution - am Ende.

Fest steht aber, die bisherige „Fitness“ der Menschheit an sich als Ganzes in ihrer Konkurrenz zur feindlichen Natur ist wesentlich ein Ergebnis des Glaubens an einen allmächtigen Gott. Der Mensch würde ohne diesen Gott nicht existieren. Nicht Gott schuf den Menschen, sondern der Mensch erschuf sich den allmächtigen Gott und damit sich selbst als allmächtiges Wesen!

Stephan Dettmeyer
2013

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